Ines und Paul - Ein Leben zwischen den Geschlechtern
Langzeitdokumentation
Regie: Monika Schulz
WDR-Redaktion "Menschen hautnah".
Erstausstrahlung am 03.07.2002. Diverse Wiederholungen im Fernsehen und auf Veranstaltungen.
Länge: 43:30 Minuten (Festivalversion: 54:45 Minuten)
Produktion: Eigenproduktion der JPP MEDIEN GmbH im Auftrag des WDR.
Kurzbeschreibung 07/2002
Die damals 31-jährige Ines hat Ende 2000 einen Entschluss gefasst: Ines will ihre Identität zwischen den gesellschaftlich geprägten Kategorien von Frau und Mann finden. Dies ist der Beginn einer langen Reise zwischen den Geschlechtern: Aus Ines wird Ines-Paul.
In der filmischen Dokumentation "Ines und Paul" werden Empfinden und Erleben eines Menschen dokumentiert, der sich über alle Grenzen hinweg seine Geschlechtsidentität sucht. Ines Wechsel zwischen den Geschlechterrollen wird dabei genau so einfühlsam beobachtet wie die Auswirkungen von Hormonbehandlung und medizinischem Eingriff.
"Ines und Paul" zeigt einen Alltag im Niemandsland zwischen allen gesellschaftlichen Normen. Einen Lebensweg, der in keine Schublade passt und auch Verwirrung auslöst.
Produktionsnotizen
Fast zwei Jahre lang hat die Filmemacherin Monika Schulz das Leben von Ines mit der Kamera begleitet. Zu Wort kommen Eltern, Freunde und natürlich Alexandra, die Lebenspartnerin von Ines-Paul. Die Geschichte von Ines-Paul ist nicht nur die spannende Darstellung eines außergewöhnlichen und mutigen Menschen: Sie ist auch ein Plädoyer für Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft.
Exposé zu "Inès und Paul"
Der Film dokumentiert die Entwicklung von Ines zu Paul. Als Frau auf die Welt gekommen, tritt Ines eine Reise zwischen den Geschlechtern an. Sie löst sich vom Frau-Sein und will sich einen männlichen Körper aufbauen. Unsere Kamera begleitet Ines auf ihrem Weg zu Paul, einem Wesen, das Weiblichkeit und Männlichkeit in sich vereint.
Wenn Ines B. (31) für einen Mann gehalten wird – was sehr oft vorkommt – macht sie darauf aufmerksam, dass sie eine Frau ist. Sie korrigiert ihre Mitmenschen, um die Rollenbilder in Frage zu stellen, die unsere Gesellschaft von Männern und Frauen hat.
Ines kennt die Unterschiede. Sie weiß, dass ihr die Menschen anders gegenübertreten, je nachdem, ob sie als Mann oder Frau wahrgenommen wird. Dass von ihr als Frau ein anderes Verhalten erwartet wird als von einem Mann.
Ihr Anliegen ist es, diese Geschlechterkategorien, die von vielen kritiklos übernommen werden, aufzubrechen.
Ines spielt mit den Rollen, die Männern und Frauen zugeschrieben werden, kann sich jedoch in keiner zu Hause fühlen. „Mein Leben war irgendwann an einem Stillstand. Ich bin 30 geworden und hab‘ gedacht, du kommst in deinem Leben nicht vor. Du lebst die ganze Zeit versteckt, nein, eher unsichtbar.“
Dann geht sie einen Schritt weiter und „schminkt“ sich einen Bart. Das erste Mal in ihrem Leben hat sie das Gefühl, sich selbst im Spiegel zu sehen. Sich als das wahrzunehmen, was sie ist. Ihre Identität zu sehen. Eine Identität zwischen den Daseinsformen als Mann oder Frau. Seitdem geht sie mit Bart zum Einkaufen. Als Paul zur Arbeit, als Ines in die Disco, oder umgekehrt.
Ein Jahr später fasst Ines den Entschluss, dieses Erscheinungsbild mit körperlichen Eingriffen zu manifestieren. Sie möchte eine Hormontherapie beginnen und ihren Oberkörper operativ einem männlichen anpassen. Damit begibt sich Ines in ein Niemandsland: Mit Bart und tiefer Stimme wird sie nicht mehr als Frau zu sehen sein – als Mann fühlt sie sich aber auch nicht.
Ines ist diplomierte Fotoingenieurin. Sie arbeitet als Fotografin und erstellt Internet-Seiten. Sie spielt Gitarre in einer Band, die als reine Frauenband bekannt ist. Doch wie lange sind sie noch eine Frauenband? Wie reagieren die Fans? Ab wann müssen die Veranstalter informiert werden, dass Ines bald Paul heißt und wie ein Mann aussehen wird?
Die Band ist nur ein Problem von vielen, mit denen Ines sich auseinandersetzen muss. Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer Lebensgefährtin Alexandra.
Alexandra und Ines leben seit sechs Jahren zusammen in Köln. Alexandra akzeptiert die Entscheidungen von Ines und begleitet sie auf ihrem Weg. Doch wissen beide nicht, wohin dieser Weg führen wird. Denn Ines will sich vom Frau-Sein lösen und damit auch aus ihrer Identität als Lesbe, jedoch nicht mit dem Ziel, ein Mann zu werden. „Es ist für mich keine Angleichung an ein Dasein als Mann. (...) Das heißt ich war vorher nicht Frau und ich werde später nicht Mann sein.“
Das Zwischenwesen, als das Ines sich sieht, existiert in unserer Gesellschaft nicht. Ihre neue Identität liegt in einer Grauzone. Für viele bedeutet die Tatsache, dass sich Ines vom Frau-Sein löst, dass sie nur ein Mann werden kann. Alles andere ist nicht greifbar und passt in keine Schublade, löst Verwirrung aus. Weil ein Leben als Mann für sie aber keine Lösung ist, muss sie sich oft rechtfertigen und stößt auf Unverständnis. Für Ines jedoch steht nicht die Frage im Vordergrund, warum sie kein Mann werden will, sondern warum sie unbedingt ein Mann werden soll.
Auf dem medizinischen Wege verändert sie ihr Erscheinungsbild durch eine Hormonbehandlung mit Testosteron. Dadurch werden zum Beispiel Bartwuchs und Stimmbruch ausgelöst, wie in der Pubertät bei Männern. Des weiteren plant sie eine Mastektomie, die operative Gestaltung eines männlichen Oberkörpers. Medizinisch wäre noch eine genitalangleichende Operation möglich, bei der die primären Geschlechtsorgane korrigiert werden. Momentan kommt diese für Ines jedoch nicht in Frage.
Um die Hormonbehandlung und die Mastektomie durchführen zu können, braucht Ines die Zustimmung eines Gutachters, der sich wiederum auf das Urteil eines Therapeuten beruft. Ende 2000 bekam sie die Einwilligung ihres Gutachters und begann die Hormontherapie. Die Mastektomie möchte sie in einem halben Jahr durchführen lassen. Beide Veränderungen sind ohne Weiteres nicht mehr rückgängig zu machen. Danach wird Ines äußerlich nicht mehr von einem Mann zu unterscheiden sein.
„Ines und Paul“ erzählt die Geschichte von Ines, die es wagt, das angeborene Geschlecht in Frage zu stellen und in das Territorium des anderen Geschlechts einzudringen.
Auf dem Weg, ihren Frauenkörper zu verlassen, um als Zwischenwesen in unserer Gesellschaft zu leben, sammelt sie einzigartige Erfahrungen. Über einen Zeitraum von einem Jahr wollen wir sie dabei mit der Kamera begleiten. Beobachten, wie sie sich zwischen den Kategorien von Mann und Frau bewegen wird. Ihre Gedanken und Gefühle festhalten und ihre Entwicklung dokumentieren. Der Zeitraum von einem Jahr ist eine vorläufige Einschätzung. Die gravierendsten Veränderungen aufgrund der Hormonbehandlung werden nach ungefähr sechs Monaten stattfinden.
Wie wird sich Ines Körper und ihre Psyche aufgrund der Hormonspritzen verändern? Was geht in ihr vor, wenn ihr Barthaare wachsen und sie sich zum ersten mal rasiert? Welche Umkleidekabine wird sie beim Krafttraining mit Bart und Brüsten benutzen?
Wie wird ihr Umfeld reagieren? Freunde und Kollegen kommen ebenso zu Wort wie ihre Eltern, die plötzlich einen „Sohn“ haben.
Eine wichtige Rolle spielt Ines Beziehung zu Alexandra. Alexandra, die sich in eine Frau verliebt hat und bald mit einem „Mann“ an ihrer Seite leben wird. Wie geht sie mit der neuen Situation um? Wird die Beziehung diesen Veränderungen standhalten? Wie wirkt sich Ines neue Identität auf ihre Sexualität aus?
Es sind die Einblicke in einen Alltag zwischen allen gesellschaftlichen Normen, die den Dokumentarfilm „Ines und Paul“ so spannend machen. Statt einer nüchternen Beschreibung über Transsexuelle in Deutschland steht hier das persönliche Empfinden und Erleben eines Menschen im Vordergrund, der sich über alle Grenzen hinweg seinen Weg zu bahnen versucht.
Vielleicht kann dieser Film durch Ines Mut und ihre Offenheit für mehr Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft sorgen.
